Wir leben schon in verrückten Zeiten. Und nie schienen die Verhältnisse so widersprüchlich wie heute. Obwohl wir uns im Kommunikationszeitalter befinden und bis in die Armbanduhr und den Toaster vernetzt sind, es unendlich viele Social Media-, Freundschafts- und Datingplattformen gibt, sind wir so einsam wie nie zuvor.
Obwohl wir uns heute jeden noch so erdenklichen, unnützen Schwachsinn und toxischen Plastik- und Elektronikschrott liefern lassen können - oft sogar "same day", weil Geduld ja eine Dank der Moderne obsolete Tugend ist, - waren wir innerlich noch nie so leer, nie so hungrig, obwohl wir zugleich so vieles dermaßen satt haben.
Und obwohl wir inzwischen alles sein können und dürfen - Mann, Frau, non-binär, Waldelfe, Wolf, Rhododendron oder alles auf einmal -, tun wir uns schwer damit, uns zu finden oder gar festzulegen. Schon gar nicht so stabil, dass unsere Selbstfindung bzw. Identität wirklich ein Leben lang anhalten könnte. Wie wunderbar ist es doch, dass man sich seit 2024 auch gar nicht mehr wirklich festzulegen braucht und Dank des Selbstbestimmungsgesetzes (SBGG) jetzt jährlich ganz offiziell sein Geschlecht ändern darf (bzw. den amtlichen Eintrag zum Geschlecht).
Bitte nicht falsch verstehen: Das Leid, sich tatsächlich im falschen Körper geboren zu sehen, nehme ich durchaus ernst. Doch finde ich, dass wir in vielem, wie so oft, über das Ziel hinaus schießen. Stichwort Waldelfe. Und wieso sollte man denn
jährlich den Geschlechtseintrag ändern müssen?
Spätestens hier wird das Motiv mitunter höchst verdächtig. Denn gerade dieses "zu weit Schießen" führt die (deutlich wenigeren) ernst zu nehmenden Individuen in einem Wisch ad absurdum. Ein Weitschuss, der nach hinten losgeht. Allem voran mal wieder für die Betroffenen selbst.
Nicht in Allen(!), aber doch in sehr Vielen, beruht das Problem der Identitätskrise oder Selbstfindung schlicht und ergreifend auf Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Und diese wird erzeugt zum einen aus einem Überangebot an Möglichkeiten (neben der Possibility-Flut auf Social Media bieten alleine schon RTL und RTL2 schon unzählige Geschlechterrollen zur Nachahmung an) und zum anderen liegt es an der abnehmenden Bereitschaft für und Fähigkeit zur Kontemplation.
Durch den fehlenden Blick auf die innere, ewige, spirituelle Wahrheit und Identität einerseits und das teils gänzliche Unterlassen einer gesunden Selbstreflexion andererseits, die auch das Auf- und Abarbeiten diverser Erlebnisse, Eindrücke, Traumata, Schmerzen, Sehnsüchte, Wunden, ... beinhaltet, wird dann allzu schnell einfach eine Identität "drumherum" entwickelt, die all die nicht stattgefundene, innere Aufräumarbeit und Sortierung kompensieren soll.
Beispiel: "Ich habe ein Problem mit Menschen und bin ein extremer Einzelgänger? Nun, dann bin ich eben ganz offensichtlich ein Wolf, irrtümlich im Körper eines Menschen geboren." - Und schon umgeht man die mitunter harte und langwierige Arbeit an sich selbst.
Ja, mag sein, dass Menschen problematisch für dich, Beispielmensch, sind. Und es kann auch gut sein, dass dies gar nicht wegtherapiert werden muss bzw. kann, denn die Menschen heute
sind anstrengend. Beispielsweise auch durch ihre zahlreichen Identitätsfluchten. Aber deshalb gleich ein Wolf im falschen Körper zu sein?
Das ist eine allzu einfache "Lösung" bzw. Antwort, die deswegen nicht funktionieren wird, da sie in Unkenntnis der spirituellen, ewigen Wahrheit getroffen wurde. Denn dort gibt es (zum Beispiel) für die Unlust auf Menschen durchaus wesentlich schlüssigere und in sich stimmige Erklärungen. Und diese werden auch funktionieren.
Soll heißen: Bevor du dich selbst zum Wolf, Zierstrauch oder Waldgeist erklärst, beleuchte bitte zunächst mal den spirituellen Aspekt deines Seins und schaue dann im Anschluss, was noch an Wolfsnotwendigkeiten übrigbleibt. Das mag mitunter wehtun. Das mag ziemlich sicher auch ein wenig dauern. Das mag auch mal unbequem werden. Aber alles andere wird schlicht nicht funktionieren.
Verwechsle nicht
Ich fühle mich wie ... mit
Ich BIN ... - Das eine beschreibt deinen aktuellen Zustand. Das andere dein Ich. Es geht bei Selbstfindung jedoch darum, deine Realität, dein Umfeld, deine Aufgaben usw. an dein wahres Ich anzupassen und nicht dein Ich an deine aktuelle, gefühlte Realität. Das wahre Ich ist ewige, stabile Basis. Deine aktuelle Realität jedoch ist ein Subject to change und somit maximal instabil.
Durch eine neue Definition des Selbst wird oft versucht, sich ohne jeglichen (Zeit-)Aufwand (Stichwort altmodische Geduld), aus der Affäre zu ziehen. "Ich bin ein Wolf, daher bin ich mit mir zufrieden, jetzt liegt es an euch, gefälligst zu akzeptieren, dass ich ein Wolf bin und euch an mich anzupassen." - Man verlagert das Problem. Von sich auf andere. Heutzutage sind sowieso immer die anderen schuld und stehen somit auch in der Pflicht zu handeln. Wirklich?
Es bedarf aber auch gar nicht solcher Extremfälle. Viel häufiger definieren wir unsere Identität durch einfachere äußere Umstände. "Ich leite jetzt die neue KI Abteilung unseres Startups - ich bin ein KI Pionier." Ja. Das solltest du dann auch durchaus sein, wenn du gute Arbeit abliefern möchtest. Aber es sollte einleuchten, dass "KI Pionier" niemals eine
universale, spirituelle Identität sein kann.
Den wahren Kern des Seins zu finden, ist weit weniger kompliziert, als all das oben Genannte. Denn er kommt zum Vorschein, wenn all die Rollen, Funktionen und Kompensationshandlungen wegfallen. Man muss das Ego vergessen können, um das Selbst zu finden. Auf dieser Basis ist die
zweite Erinnerung, die Mission, dann wesentlich einfacher zu erkennen. Diese mag immer noch in deinem jetzigen Job zu finden sein. Vielleicht auch als fancy KI Pionier. Aber das
Wie und das
Wofür werden möglicherweise transzendieren, wodurch du noch wesentlich erfüllter sein wirst ...
Das Wichtigste am Erinnern deiner wahren Identität ist allerdings nichts für Weicheier oder Angsthasen. Denn die Erkenntnis ist ambivalent: Maximal befreiend und zugleich schmerzhaft. Es ist genau wie in
Matrix:
"Warum tun meine Augen so weh?", fragt Neo - "Weil du sie noch nie benutzt hast", antwortet Morpheus.
Die wirkliche, spirituelle Identität des Menschsein zu erkennen, ist befreiend, weil du unzählige Umstände als gar nicht mehr relevant begreifst. Was bisher wichtig oder tragisch erschien, ist auf einmal nichtig oder sekundär, zumindest aber erklärbar.
Dies kann aber gleichermaßen auf deine bisherigen Ziele und auch Errungenschaften zutreffen, was sich vorerst wie ein Verlust anfühlen mag. Zugleich kann sich die Tragweite eines Dramas auch vereinzelt noch vergrößern, nach dem Motto: "Ich wusste, dass unsere Politiker schwierig sind, aber dass es sogar so schlecht um uns bestellt ist und wir dermaßen weit vom Kurs abgekommen sind, ..." - das sind die "schmerzenden Augen", die Neo in Matrix beklagt. Und das meint das
Sehenkönnen, wovon Véjà in
... und nach uns die Sterne so sehr mitgenommen wird.
Dieser Weg wird nicht unbedingt ein leichter sein. Doch er bietet so viel mehr. Es ist deine Entscheidung. Rote oder blaue Pille? Aufwachen in einer zunächst äußerst ungewohnten Welt oder weiterschlafen und träumen, mal angenehm mal Alptraum - aber niemals wahr?
Wie ich schon öfter erwähnte: Spiritualität ist nicht so sehr samtig weiche Kalenderspruch- und Wohlfühllektüre bei lieblichem Lavendelduft, wie es der Markt oft vermitteln mag. Sie ist schlichte und manchmal auch harte Realität, doch findest du dich in ihr erst einmal zurecht, bietet sie dir endlich wahre Heimat. Du begreifst dich dann vielmehr als in dieser Welt agierend und weniger als von dieser Welt stammend.
Zweite Erinnerung: Mission.
Dritte Erinnerung: Resource.
Erinnern ist nichts für Angsthasen